Armschlinge kontraproduktiv?

  • Hallo ihr Lieben,

    kann es sein, dass es kontraproduktiv ist, wenn mein Freund seinen noch immer schwer gelähmten Arm ständig in der Schlinge trägt? Er kann seit Monaten seinen Arm heben, mittlerweile bis knapp unter die Brust, mehr allerdings noch nicht. Anfänglich hatte er Schulterschmerzen, weil der schlaffe Arm "ausgekugelt" hängt. Deshalb haben wir penibel darauf geachtet, immer den Arm in der Schlinge zu halten oder auf dem Rollstuhltisch zu lagern. Und nun frage ich mich, ob es Zeit ist, den Arm zu "trainieren" indem er sich selbst hält? Hat jemand einen Tipp für uns?

    Eckdaten: vor 9 Monaten schwerer Schlaganfall (53) nach kleinem Kopfstoß und 4 Tage unentdecktem Blutgerinsel. Vor 2 Monaten auf eigenem Wusch die Reha beendet und jetzt zu Hause mit viel Eigenreha. Schwere Aphasie, Blickfeldausfall, mittlerweile am Stock gehend.

  • hallo juli, das was du schreibst, klingt stark nach ner schlaffen lähmung, denn da hängt ja der arm nur so runter. das mit der schlinge, müsste m.e. die ergotherapie beantworten. bestimmt macht das aber schon sinn, sonst leiert die schulter ja komplett aus-alleine durch das eigengewicht- hab schon schlaffe lähmungen mit so ner art gurtzeug am arm gesehen. auf jedenfall weiterüben. das laufen-super, dass das jetzt schon geht, wird auf jeden fall im laufe der jahre besser, und das sprechen auch-viel üben-jeden tag! dann gelingt´s

    aphasiker kenne ich, die wieder einigermassen sprechen- für den hausgebrauch jedenfalls.


    gruß


    klaus

  • Hallo julikirb,

    die dauerhafte Anwendung einer Armschlinge ist zwar „kontraproduktiv“ für die Wiederherstellung von Muskulatur, Kraft und Beweglichkeit. Die Schlinge war bzw. ist dennoch wichtig, um die Stellung des Schultergelenks zu sichern, wenn die muskuläre Führung aufgrund der Lähmung nicht erfolgen kann, um Schulterschmerzen und andere Beschwerden durch Subluxationen zu vermeiden.

    Da Ihr Freund nun den Arm bis unter die Brust heben kann, ist die Muskelkraft offenbar bis zu einem gewissen Grad zurückgekehrt, zumindest eine Teilkompensation scheint möglich. Es ist jedoch fraglich, inwieweit die Schulter muskulär ausreichend stabilisiert werden kann und der Oberarmkopf ohne passive Unterstützung in der Pfanne zentriert bleibt. Dies ist ein Problem bei ausgeprägten Lähmungen der Arm- und Schultermuskulatur und der meist zusätzlich fehlenden Rumpfkontrolle.

    Hier kommt es dann auf die Art des Hilfsmittels an.

    Eine dauerhafte Ruhigstellung in einer „Schlinge“, die den Arm am Körper fixiert, sollte nicht erfolgen, auch wenn die Muskulatur nicht ausreichend aktiv angesteuert werden kann. Die damit verbundene Verhinderung jeglicher Bewegung führt zu weiteren Problemen durch einseitige Körperhaltung und Schonverhalten. Dennoch kann es notwendig und sinnvoll sein, eine spezielle Orthese zu tragen, eine Neuroorthese, die das Schultergelenk in der richtigen Position stabilisiert und sowohl aktive als auch passive Bewegung ermöglicht. Ob die Muskulatur allein dazu in der Lage ist, ist klinisch-funktionell, medizinisch und therapeutisch zu beurteilen. Es gibt verschiedene Orthesen, die individuell ausprobiert und angepasst werden müssen.

    Wichtig ist weiterhin ein gezieltes Übungsprogramm, das die Schulterstabilität und Armkraft fördert, die Koordination des Rumpfes verbessert und Gangtraining integriert. Informativ und hilfreich zur Orientierung ist die Patienten-Leitlinie zur Therapie der Armlähmung nach einem Schlaganfall.

    In der Physiotherapie gibt es einige spezifische Ansätze, die sich auf das systematische Training von Armbewegungen mit dem gelähmten Arm und symmetrischen Bewegungen mit beiden Armen konzentrieren. Manchmal wird der gesunde Arm ruhiggestellt, um den Einsatz des gelähmten Armes zu erhöhen. Bei der so genannten Spiegeltherapie werden die Bewegungen des gesunden Armes mit Hilfe eines Spiegels auf den gelähmten Arm projiziert, und mentales Training fördert die motorische Erholung durch die Vorstellung von Bewegungen des gelähmten Armes. Zusätzlich können gerätegestützte Therapien wie neuromuskuläre Elektrostimulation und robotergestützte Therapie die Rehabilitation unterstützen. Zur Lagerung sind Armstützen oder Kissen vorzusehen.

    Es empfiehlt sich, bei so einem komplexen Schädigungsmuster nicht allein auf Eigentraining zu setzen, um das Reha-Potenzial auszuschöpfen bzw. den vereinbarten individuellen Trainingsplan mit dem behandelnden Arzt, den Physiotherapeuten und/oder Ergotherapeuten fortlaufend anzupassen.

    Alles Gute und viel Erfolg für die weitere Rehabilitation

    Mit den besten Wünschen
    Dr. med. Karin Kelle-Herfurth

  • Hallo Frau Dr. Kelle-Herfurth,

    vielen Dank für die ausführliche Antwort und die Zeit, die Sie sich dafür genommen haben. Die Neuroorthesen habe ich schon im Internet bewundert. Wer berät denn zur Neuroorthese? Ich werde mal die Physiotherapeutin dazu befragen. Die Therapien in Eigenregie ergänzen ja nur unsere wenigen Physio/Ergotherapien. Aber je 2mal die Woche ist viel zu wenig, aber mehr ist wegen Fachkräftemangen nicht zu bekommen. Und genau was Sie empfehlen machen wir in Eigenregie. Ich war in den 6 Monaten Reha täglich bei ihm und habe auch sehr viele Anwendungen begleitet, daher haben wir einen guten Überblick, was wir alles selber machen können. Dazu habe ich viel im Internet gelesen, weshalb wir schon in der Reha mit der Spiegeltehrapie begonnen, obwohl die noch nicht stattfand für ihn. Dazu jetzt aktuell eben täglich: 1mal Arm/Beintraining im warmen Pool, 2mal Elektrostimulation je Arm/Bein, 1 mal Gleichgewichtstraining auf Wabbelkissen, mehrmals stehen auf einem Holzkeil für die Fußheberschwäche, 40 Minuten Training auf dem Motomed (täglich wechseln Arm/Bein), 3mal die Woche radfahren auf dem Trike und viel gehen, seit 3 Tagen 80% ohne Stock, weil er es will und gerade viel probiert. Auf dem weichen Rasen ist es halbwegs vertretbar und risikoarm. Das Bilaterale Training haben wir auch aus der Reha übernommen, Handtuch auf den Tisch und los geht es. Man kann so viel zu Hause machen und ich bin so unendlich froh, dass er selber macht und will. Ich kann mir kaum vorstellen, wie schlimm das ist, wenn die Depressionen einen lähmen und man nichts mehr machen kann.

    Wegen der Depressionen sind wir ja früher aus der Reha, nach 6 Monaten. Wir hätten bestimmt noch 2 Monate Verlängerung bekommen, aber es ging ihm mental so schlecht. Deshalb hatte ich ja so einen Druck, das alles zu Hause leisten zu müssen und wollen. Die verordneten Therapien reichen einfach nicht aus. Und es war die richtige Entscheidung, zu Hause passiert nochmal so viel, obwohl man ja noch immer überall den Schwachsinn liest, was nach 6 Monaten nicht da ist, kommt nicht mehr wieder.

    Sonnige Grüße,

    Juliane

  • Die Neuroorthesen habe ich schon im Internet bewundert. Wer berät denn zur Neuroorthese? Ich werde mal die Physiotherapeutin dazu befragen. Die Therapien in Eigenregie ergänzen ja nur unsere wenigen Physio/Ergotherapien. Aber je 2mal die Woche ist viel zu wenig, aber mehr ist wegen Fachkräftemangen nicht zu bekommen

    Hallo Juliane,

    die Physiotherapeutin kann eventuell weiterhelfen, wenn sie Erfahrung damit hat oder vermitteln kann, ebenso der behandelnde Neurologe oder ein Reha-Facharzt. Hier kommt es auf die Kenntnisse und Spezialgebiete der eigenen Praxis an, das ist nicht unbedingt der tägliche Standard.

    Die Spezialisten für die Konstruktion und Anpassung von Neuroorthesen und Neuroprothesen sind dafür ausgebildete Orthopädietechnik-Mechaniker, die bei der Hilfsmittelversorgung auch mit niedergelassenen Ärzten, Akut- und Rehabilitationskliniken zusammenarbeiten. In einigen Einrichtungen gibt es Sprechstunden, in denen der Bedarf interdisziplinär abgeklärt wird. So kenne ich das.

    Das Problem des Fachkräftemangels ist mir bewusst, es ist auch regional sehr unterschiedlich. Eine gewisse Entlastung, von der auch Therapeuten und vor allem Schlaganfall-Patienten mit ausgeprägteren und komplexen Schädigungen profitieren, kann auch durch geräte- und robotergestützte Trainingseinheiten erreicht werden, zudem intensiveres und hochfrequentes Training, jedoch sind die Möglichkeiten nicht überall gegeben. Die wenigsten Ergo-/Physio-Praxen können Robotik anbieten, größere Zentren schon eher. Ansonsten scheint Ihr Mann mit dem vielseitigen Eigenprogramm zur häuslichen Rehabilitation schon gut aufgestellt zu sein.

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