Schwindel nach Hirnblutung

  • Hallo,

    meine Frau (45 Jahre) hatte im April diesen Jahres eine Hirnblutung. Sie war 4 Monate im Krankenhaus bzw. in der Reha und ist mittlerweile wieder zu Hause. Sie ist rechtsseitig Bewegungseingeschränkt, so dass sie sich aktuell überwiegend mit Rollator fortbewegt, kürzere Strecken auch mal mit Krücken oder Gehstock. Außerdem hat sie eine Sehfeldeinschränkung auf der rechten Seite und auch kognitive Probleme (Konzentrationsprobleme, Wortfindungsstörungen usw.).

    Sie bekommt seit ihrer Entlassung mehrmals pro Woche Physio-, Ergo und Sprachtherapie und hat auch schon gute Fortschritte erzielt. Seit einigen Wochen wird sie jedoch sehr oft von einem Schwindelgefühl geplagt. Laut Hausärztin ist es durchaus normal, dass das einige Monate nach einem Schlaganfall auftritt und in vielen Fällen dann auch wieder verschwindet.

    Durch den Schwindel ist meine Frau allerdings ziemlich ausgebremst, was das Laufen angeht. Sie hat verständlicherweise große Angst vor Stürzen, was dazu führt, dass sie fast nur noch mit dem Rollator geht und sie sich das Laufen mit dem Gehstock immer weniger zutraut. Vor dem Schwindel hat sie viel mit Krücken und Stock trainiert ist sogar schon wenige Schritte ohne Gehhilfe gegangen, mit dem Ziel, den Rollator irgendwann komplett hinter sich lassen zu können. Aktuell ist sie davon weit entfernt, was sie (und auch mich) ziemlich frustriert.

    Hat hier vielleicht jemand Tipps, was man gegen diesen Schwindel machen kann oder Strategien, besser damit umzugehen? Laut Hausärztin kann man da medikamentös nicht viel ausrichten aber vielleicht sollten sie doch nochmal bei einem Spezialisten (Neurologe?) vorstellig werden.

    Vielen Dank und Grüße

  • Hallo toka1977,

    zunächst wäre es erst einmal wichtig, den Schwindel in seiner Charakteristik näher einzugrenzen, also wie genau er sich äußert, wann er auftritt, welche Auslöser es schlimmer oder sogar besser machen und weitere Beobachtungen einzubeziehen.

    Sicherlich ist eine fachärztliche neurologische Vorstellung ratsam, um spezifische Ursachen des Schwindels nach einem Schlaganfall abzuklären, auch wenn man diese nicht immer eindeutig finden kann. Medikamente helfen in der Tat meistens nur sehr begrenzt. Erfreulicherweise bilden sich die Symptome im Verlauf jedoch häufig auch zurück.

    Zusätzlich kann eine neuroophthalmologische Untersuchung bei den Sehfeldeinschränkungen indiziert sein, um mögliche visuelle Anteile und Gründe für die Verstärkung des Schwindel zu ermitteln.

    Und Schwindel kann unabhängig davon natürlich weitere Ursachen haben, Kreislauf, HNO-Bereich, Medikamente etc., was Sie mit der Hausärztin besprechen können: Dieser Artikel auf der Hauptseite schlaganfallbegleitung.de geht auf verschiedene Arten von Schwindel, die Diagnostik und Behandlungsmöglichkeiten ein. Zudem habe ich einen ergänzenden Blog-Artikel zu anhaltendem Schwindel mit Anleitungen und Tipps zum Selbstmanagement geschrieben.

    Die bestehenden Therapien sollten den Schwindel entsprechend berücksichtigen und ggf. angepasst werden. Zudem kann es angezeigt sein, den Fokus in der Physio- und Ergotherapie zusätzlich bzw. erst mal - je nach Priorität - auf vestibuläres Training zu legen, um bei erheblichen Gleichgewichtsproblemen und Gangunsicherheit zu helfen, das Sturzrisiko zu minimieren, und Anpassungen im häuslichen Umfeld und im Alltag zu prüfen. Eine zielgerichtete Schwindelrehabilitation integriert auch Aufklärung und Anleitung für spezifische Übungen zuhause.

    Psychologische bzw. emotional-soziale Unterstützung im Umgang mit den Krankheitsfolgen, dem Schwindel, der Unsicherheit, den Ängsten und der Frustration, die nach einem Schlaganfall auftreten können, ist auch wichtig, um das Vertrauen in sich selbst und die eigene Mobilität zu stärken. Hier kann auch professionelle psychologische oder psychotherapeutische Begleitung sinnvoll sein.

    Ebenso ist darauf zu achten, das Rehabilitationsprogramm so zu gestalten, dass Überanstrengung und Überforderung vermieden wird, gleichzeitig aber eine angemessene Herausforderung geboten ist, um Kompensationsmechanismen zu fördern und Strategien zu lernen. Diese brauchen in der Umsetzung viel Wiederholung, Reflexion und Zeit zum Transfer.

    Das erfordert Geduld und das Setzen realistischer Ziele, die auf die individuellen Fortschritte Ihrer Frau eingehen, aber auch mögliche Stagnationen, Rückschläge und aktuelle Lebenssituationen mit belastenden Umständen und verfügbare Ressourcen entsprechend berücksichtigen. Häufig machen sich Betroffene auch zusätzlich Druck. Der Stress ist nicht unbedingt förderlich.

    Ich möchte noch ermutigen, den Austausch mit anderen Betroffenen und deren Erfahrungswissen z. B. in diesem Forum einzubeziehen, um die komplexe Situation nach einem Schlaganfall und die Schwindelsymptome zu bewältigen.

    Alles Gute für Sie und Ihre Frau und

    herzliche Grüße

    Dr. med. Karin Kelle-Herfurth

  • Hallo,

    ich wollte mich mal zurück melden mit den letzten Entwicklungen und mich (wenn auch verspätet) für die ausführliche Antwort von Frau Dr. Kelle-Herfurth bedanken.

    Bei meiner Frau hat sich nach meinem ersten Post hier das Schwindelgefühl weiter verstärkt. Wobei sich mittlerweile heraugestellt hat, dass Schwindel eigentlich nicht das richtige Wort dafür ist. Meine Frau tut sich schwer damit das Gefühl zu beschreiben, sie nennt es jetzt eher bematscht.

    Jedenfalls ging es soweit, dass sie eines Tages im Treppenhaus stand und nicht in der Lage war die Stufen zu bewältigen, um aus dem Haus zu kommen und ihre Physiotherapie wahrzunehmen. Ich bin dann zu ihrer Hausärztin, habe die Situation beschrieben und diese hat dann "Tavor" verschrieben, mit dem Hinweis, dass sie dies mit Bauchschmerzen tut und mehrfach auf das Abhängigkeitspotential des Medikaments hingewiesen. Weiterhin hat sie einen zeitnahen Termin beim Neurologen zur weiteren Abklärung organisiert. Bis dahin sollte sie das Tavor bei Bedarf nehmen, also wenn sie zum Beispiel für Therapie- oder Arzttermine aus dem Haus muss.

    Das Tavor half meiner Frau sehr gut. Mit dem Medikament konnte sie die Treppen bewältigen und ihre Therapien wahrnehmen. Sie war damit insgesamt sicherer und hat sich wieder mehr getraut auch mal mit dem Gehtstock zu laufen und nicht nur mit dem Rollator. Der Termin beim Neurologen war dann eher wenig erfolgreich. Die Ärztin hat ihr letztendlich "Opipram" verschrieben, welches nach ca. 2 Wochen Einnahme wirken sollte und das Tavor dann hoffentlich nicht mehr notwendig sein würde. Dies war aber nicht der Fall, nach 2,5 Wochen Opipram ohne jede Wirkung, hat sie das Medikament wieder abgesetzt. Sie hat dann wieder unregelmäßig Tavor genommen, an manchen Tagen konnte sie auch ohne das Medikament das Haus verlassen, was ihr aber sichtbar schwerer gefallen ist.

    Die Hausärztin hat dann angeraten ein EEG und ein MRT machen zu lassen, um zu sehen, ob ein organisches Problem vorliegt oder es doch was psychosomatisches ist. Der Termin zum MRT ist erst Ende Januar. Das EEG wurde kurz vor Weihnachten bei der gleichen Neurologin gemacht. Dies war aber unauffällig, also keine Anzeichen für Krämpfe oder epileptische Anfälle. Sie hat meiner Frau außerdem "Escitalopram" verschrieben, was ca. 2 Wochen braucht, bis es seine Wirkung entfaltet sowie "Promethazin"-Tropfen, die sie anstatt des Tavor nehmen soll.

    Das Escitalopram hat eine Wirkung, aber leider keine gewünschte. Nach dem sie das Medikament ca. 1 Woche genommen hat, ist sie in ein richtiges Tief gefallen. Sie hat zwei Tage eigentlich durchgehend geheult, war völlig antriebslos und wäre am liebsten gar nicht erst aus dem Bett aufgestanden. Nach Absetzen des Medikaments ging es ihr dann wieder deutlich besser. Die Promethazin-Tropfen hatten leider keine Wirkung, so dass sie wieder Tavor bei Bedarf einnimmt.

    So ist aktuell der Stand. Das bematschte Gefühl im Kopf und damit die Unsicherheit/Angst beim Laufen bzw. Treppen steigen ist nachwievor da. Das EEG war unauffällig und das MRT steht noch aus. Meine Frau versucht so wenig Tavor wie möglich zu nehmen. Das bedeutet maximal morgens eine Tavor-Tablette, aber nicht jeden Tag. Man merkt jedoch deutlich, ob sie Tavor genommen hat oder nicht.

    Wir sind im Moment ratlos wie es weiter geht bzw. was wir noch machen können. Handelt es sich um organisches Problem oder ist es psychisch? Erstmal schauen was das MRT zeigt und ggfls. einen anderen Neurologen aufsuchen. Mit der bisherigen sind wir leider nicht sehr zufrieden. Seit Anfang Dezember ist meine Frau auch in psycholgischer Behandlung, sie hatte aber erst vier Sitzungen, aber die Chemie passt soweit.

    Viele Grüße

  • Hallo toka1977,

    vielen Dank für Ihre Rückmeldung, ich freue mich über die Wertschätzung. Gleichzeitig bedauern wir, dass Ihre Frau weiterhin und offenbar zunehmend mit den diffusen Schwindelgefühlen und Unsicherheit ringt. Das wird belastend für Sie beide sein und es ist nicht einfach, dahinter zu kommen, was sie Ursache ist. Basierend auf Ihrer letzten Beschreibung möchte ich noch einige Gedanken teilen:

    Die genauere Charakterisierung des Schwindels bzw. Unwohlseins ist wichtig, um die Beschwerden Ihrer Frau zu verstehen. Der Begriff "bematscht" kann für vieles sprechen und er könnte auf eine sensorische Überlastung oder kognitive Ermüdung hinweisen, was nach einer Hirnblutung nicht ungewöhnlich ist. Es werden viele wichtige Funktionen in diesem zentralen Organ, in dem alles gesteuert und verarbeitet wird, in Mitleidenschaft gezogen und die Restrukturierung durch Umbauprozesse, die teilweise zur Erholung oder Kompensation führen können, brauchen ihre Zeit. Dabei ist es wichtig, dass Ihre Frau immer wieder Reize erhält, um zu üben, Herausforderndes zu bewältigen und unterstützt wird in dem, was schwerfällt. Die psychosoziale Unterstützung durch die Menschen in ihrem Umfeld und die emotionale Stabilisierung spielen hier auch eine ganz wesentliche Rolle.

    Die positive Reaktion auf Tavor kann dadurch erklärt werden, dass dies kurzfristig bei Angst und Unsicherheit helfen kann. Es sollte jedoch wie andere Wirkstoffe aus der Gruppe der Benzodiapezine auch aufgrund des Abhängigkeitsrisikos nicht langfristig eingesetzt werden. Hier wäre es ratsam, nach alternativen medikamentösen und nicht-medikamentösen Therapien zu schauen, die ein günstigeres Nutzen-Risiko-Verhältnis haben von den Nebenwirkungen.

    Ein unauffälliges EEG ist erst mal beruhigend, das anstehende MRT könnte nun weitere Einsichten bringen, das bleibt abzuwarten. Ebenso die weitere neurologische Untersuchung im Verlauf. Manchmal ist es herausfordernd, die unterschiedlichen individuellen Reaktionen zu erklären sowie jene auf verschiedene Medikamente wie Escitalopram und Promethazin einzuordnen und das richtige zu finden. Das wird noch einige Anpassungen erfordern.

    Ja, grundsätzlich können sowohl organische als auch psychische und soziale Faktoren zusammenspielen und psychosomatische Symptome begünstigen, auch diffusen Schwindel und Unwohlsein verstärken. Gerade im Hinblick auf die Angstkomponente, Stimmungsschwankungen und depressiven Symptome ist die begonnene psychologische Begleitung als ein wichtiger Bestandteil der Diagnostik und des Genesungs- und Rehabilitationsprozesses zu sehen.
    Gegebenenfalls kann bei ausbleibender Besserung unter psychotherapeutischer Behandlung oder Unklarheiten eine ärztliche neurologische und psychiatrische Zweitmeinung sinnvoll sein, um das Gesamtbild zu beurteilen und einen ganzheitlichen Behandlungsansatz zu verfolgen.

    Und wie geschrieben, es ist wichtig, dass im Rahmen der Ergo-, Physio- und Sprachtherapie nach ihrem Bedarf weiter an funktionalen Fähigkeiten gearbeitet wird, um Alltagskompetenzen zu verbessern und mit Einschränkungen umzugehen, damit sie Sicherheit und Zuversicht gewinnen kann.

    Neue Wege nach einem Schlaganfall sind oft langwierig und bedürfen viel Geduld und starke Nerven. Ich wünsche Ihnen und Ihrer Frau alles Gute.

    Herzliche Grüße
    Dr. med. Karin Kelle-Herfurth

  • Hallo,

    ich wollte mich zurück melden mit dem derzeitigen Stand der Dinge.

    Mittlerweile wurde ein MRT durchgeführt, aber das brachte keine Erkenntnisse hinsichtlich des "Kopfproblems" meiner Frau. Die Neurologin vermutet psychishe Ursachen, wie z. B. eine Angststörung. Da Escitalopram meine Frau nicht gut bekommen ist, nimmt sie nun seit knapp zwei Wochen Tianeurax. Dieses Medikament verträgt sie besser, aber an dem "Kopfproblem" hat es bisher nichts verändert und sie benötigt weiterhin ihre halbe Tavor. Allerdings soll sie das Medikament erstmal 3-4 Wochen nehmen, bevor man hinsichtlich einer Wirkung eine Aussage treffen kann, so die Neurologin. Meine Frau ist weiterhin in psychologischer Behandlung und hat mittlerweile einige Sitzungen hinter sich. Zwar passt die Chemie mit der Therapeutin, aber sie fragt sich so langsam, wo das Ganze hinführen soll und inwiefern ihr die Therapie bei ihrem eigentlichen Problem helfen kann.

    Persönlich frage ich mich, ob wir überhaupt auf dem richtigen Dampfer sind. Hat sie wirklich ein psychisches Kopfproblem bzw. eine Angststörung oder was auch immer, was die Unsicherheiten beim Laufen/Treppen steigen usw. hervor ruft oder ist es viel mehr umgekehrt, dass sie eben ängstlich und unsicher ist, weil es ihr vom Kopfgefühl einfach nicht gut geht. Denn dieses Gefühl ist ja im Grunde immer da, ma mehr, mal weniger ausgeprägt. Oft hadert sie schon am morgen und sagt, sie möchte einfach mal aufstehen und sich gut fühlen. Es gibt Momente, wo sie sich besser fühlt, mit ihrem Stock umher läuft, auf dem Laufbrand trainiert, das Treppenhaus gut bewältigt usw. und dann kommen wieder Momente, wo all das gar nicht geht und sogar das Laufen mit dem Rollator schwierig ist.

    Irgendwie wissen wir zur Zeit nicht weiter, wo man noch ansetzen könnte.

    Viele Grüße

  • Hallo,

    ich wollte mal ein Update geben zu den leider negativen Entwicklungen in den letzten Tagen.

    Seit dem Wochenende hat meine Frau große Probleme damit, das Treppenhaus zu überwinden und aus dem Haus zu kommen. Sie hat dann eine Blockade im Kopf, ist nicht in der Lage den Fuß auf die Treppe zu setzen, weil sie panische Angst hat zu stürzen. Da helfen dann auch keine guen Worte oder Argumente, dass sie die Treppe schon seit Monaten läuft, ohne jemals gestürzt zu sein. Heute war es ganz schlimm, sie hat es dreimal versucht, aber es war nichts zu machen. Selbst 1,5 Tavor-Tabletten haben nicht geholfen (bisher kam sie immer mit einer halben Tavor aus). Das führt dazu, dass sie völlig verzweifel und am Boden ist. Sie will ja unbedingt raus, zu ihren Therapien oder zum spazieren gehen in der Sonne. Und dann nimmt sie schon die dreifache Tavor-Dosis (die sie ja eigentlich aus guten Gründen gar nicht nehmen will) und es klappt trotzdem nicht.

    Das letzte Medikament (Tianeurax) hat sie abgesetzt, weil sie keine Wirkung gespürt hat und es trotzdem ohne Tavor nicht ging. Im Nachhinein betrachtet hatte es vielleicht doch eine Wirkung, nämlich, dass sie in Verbindung mit Tavor eben ihren Alltag bewältigen konnte. Die Neurologin hat ihr jedenfalls dann lapidar mitgeteilt, dass sie ihr nicht helfe könne und sie sich einen Psychater suchen solle. Sie hat nun morgen einen Termin bei einem anderen Neurologen/Psychater, falls sie den denn überhaupt wird wahrnehmen können. Ich hoffe es und vielleicht hat der noch einen anderen Ansatz.

    Frau Dr. Kelle-Herfurth, Ihnen nochmal vielen Dank für Ihre Ausführungen. Ich lese auch immer in den anderen Threads und man kann immer wieder neue Erkenntnisse und Sichtweisen mitnehmen.

    Viele Grüße

  • Hallo toka1977,

    es ist nachvollziehbar, dass die Situation weiterhin schwierig ist, auch wenn es tröstlich sein mag, hier mehr zu verstehen und über die Zusammenhänge zu lernen. Danke für Ihre erneute positive Rückmeldung.

    Es scheint, dass sich bei Ihrer Frau ein großes Spannungsfeld aufgebaut hat, das für sie selbst nicht mehr gut greifbar und steuerbar ist, und sie psychisch, emotional und kognitiv, überwältigt und dadurch auch körperlich blockiert. In dieser Situation kann sie nicht „vernünftig“ reagieren, auch wenn sie sicher genauso wie Sie weiß, dass beim Treppenlaufen noch nichts Schlimmes passiert ist.

    Das rationale Wissen ist der Angst aber egal, die die Oberhand gewinnt, da sich Emotionen hierarchisch in älteren Hirnregionen abspielen. Die Diskrepanz zwischen Wissen und Wollen und trotzdem Nicht-Können, obwohl man es „eigentlich“ kann, verschlimmert das Erleben des eigenen Kontrollverlusts und des Unverständnisses über das eigene Verhalten - und somit verstärkt sich der Widerstand, gerade wenn noch Scham- und Schuldgefühle dazukommen. Dann ist man gefangen und tatsächlich hilflos in diesem Tunnel. Viele beschreiben ein Gefühl des Versagens ohne festen Boden unter den Füßen, und das macht noch mehr Angst, die sich jedes Mal auch körperlich äußert, bis hin zu Panikattacken, allein bei dem Gedanken an eine bestimmte Situation. Angst zu überwinden, kann nicht willkürlich funktionieren, wenn man sich seiner selbst nicht sicher ist. Die Sicherheit kann einem auch nicht von außen vermittelt werden, wenn man sie von innen nicht wahrnehmen kann und körperlich empfindet.

    Deshalb hilft es vermutlich gerade nicht, wenn Sie Ihrer Frau gut zuzureden und Mut zu machen versuchen. Vielleicht versuchen Sie erst einmal nur, beide, das zu akzeptieren, und sie zu trösten, um keinen zusätzlichen Druck aufzubauen. Vielleicht hilft es Ihnen, gemeinsam zu überlegen, unter welchen Bedingungen sie sich entlastet oder unterstützt fühlen würde und was im Umfeld oder von der Tagesstruktur und Organisation angepasst werden könnte, damit es ihr z.B. leichter fällt, etwas in ihrem Tempo zu machen, ohne den Anspruch, wie früher zu funktionieren. Es geht darum, Lösungsräume zu schaffen, in denen sich neue Prozesse entwickeln können.

    Die Wirkung von Tianeurax ist nach der recht kurzen Einnahmedauer und je nach Art der Einnahme möglicherweise nicht hinreichend zu beurteilen. Die Höherdosierung von Tavor wird eher das Potenzial unerwünschter Wirkungen verstärken. Es ist wichtig, dass Ihre Frau eine gute Anleitung erhält und versteht, warum und wie Medikamente einzunehmen sind, und dass zentral wirksame Medikamente nicht eigenständig abgesetzt oder höher dosiert werden sollten. Das kann wirklich kritisch werden.

    Die psychiatrische Vorstellung ist sinnvoll. Angst nach einem Schlaganfall kann sich chronifizieren und verkomplizieren, auch zu einer Angststörung entwickeln, doch es gibt gute Behandlungsmöglichkeiten - auch durch Einbeziehen von Ergotherapie, um allmählich Vertrauen und Sicherheit im Umgang mit täglichen Aktivitäten zu stärken.

    Ich hoffe, der neue Termin bringt hilfreiche Erkenntnisse.

    Viele Grüße

    Dr. med. Karin Kelle-Herfurth

  • Hallo Frau Dr. Kelle-Herfurth,

    meine Frau konnte den heutigen Termin beim Neurologen/Psychiater wahrnehmen.

    Zunächst wurde ein EEG gemacht, welches erneut unauffällig war. Der Arzt geht davon aus, dass meine Frau bereits eine Abhängigkeit von Tavor entwickelt hat. Nun reicht die Dosis von 0,5 bis 1 mg offensichtlich nicht mehr aus und der Körper verlangt nach mehr. Dies kann sich dann u. a. durch Angstzustände und Panikattacken bemerkbar machen.

    Er hat nun das Medikament Venlafaxin TAD 37,5 mg (retadiert) verschrieben. Sie soll mit einer Tablette morgens beginnen, nach einer Woche auf zwei Tabletten und nach einer weiteren Wochen auf drei Tabletten erhöhen. Tavor soll sie erstmal in der aktuellen Dosis (1 mg) parallel weiter nehmen und frühesten in zwei Wochen damit beginnen, die Dosis schrittweise zu reduzieren.

    Soweit die Theorie, wie das Ganze das praktisch aussieht, wird sich zeigen. Wenn man sich im Internet über das Medikament "schlau" macht, wird einem ganz anders, hinsichtlich der möglichen Nebenwirkungen. Aber das war bei den anderen Medikamenten ja auch nicht viel anders.

    Viele Grüße
    toka1977

  • Hallo mal wieder,

    ich wollte mal die aktuelle Situation schildern, die sich leider nicht verbessert hat.

    Meine Frau nimmt nun seit über zwei Wochen das Venlafxin 37,5 mg (retadiert). Wie vom Arzt verordnet wurde die Dosis wöchentlich erhöht, so dass sie mittlerweile drei Tabletten nimmt (also 112,5 mg). Die Tavor-Dosis wurde von 1 mg auf 0,75 mg reduziert, auch dies wurde vom Psychater so verordnet.

    Leider hat sich die Situation bisher nicht verbessert, es ist eher schlechter geworden. Meine Frau hat seit über zwei Wochen die Wohnung nicht verlassen, das Treppenhaus ist ein unüberwindbares Hindernis. Auch andere Tätigkeiten, die bisher kein Problem waren (z. B. Duschen) fallen zunehmend schwerer. Sie hat Angst zu stürzen oder umzufallen und muss sich ständig mit einer Hand irgendwo festhalten. Auch zum Haare föhnen muss sie sich mittlerweile in einen Stuhl setzen, weil sie das freihändig im Stehen nicht mehr schafft. Sie fühlt sich jeden Tag nach dem Aufstehen schlecht, hat sehr oft dieses Schwindelgefühl und man weiß nicht ist das eine Nebenwirkung des Venlafaxins (steht ja auch im Beipackzettel), ist es der Tavor-"Entzug", wie der Psychater es vermutet oder wer weiß was sonst? Das alles führt jedenfalls dazu, dass meine Frau sehr oft sehr verzweifelt ist.

    Laut dem Psychater und was man so im Internet ließt, brauchen Antidepressiva nun mal einige Wochen, bis sich eine Wirkung zeigt. Aber die Situation wird mit jeden Tag schwieriger und die Sorge wächst, dass das Medikament am Ende überhaupt keine Wirkung bei ihr hat. Psychater und Psychologin sind noch bis übernächste Woche im Urlaub, so dass auch kein Ansprechpartner da ist, um ggfls. die Medikation anzupassen. Diesbezüglich habe ich auch bei der psychiatrischen Ambulanz angerufen und konnte kurz mit einem Arzt sprechen. Dieser meinte aber auch nur, das Venlafaxin weiter nehmen und durchhalten.

    Viele Grüße
    toka1977

  • Hallo toka1977,

    so belastend die Situation ist, Sie tun sicherlich alles, was Ihnen möglich ist. Momentan werden Sie vermutlich nicht viel mehr tun können, als die zeitliche Latenz der körperlichen und psychischen Reaktion auf die medikamentöse Umstellung mit Geduld abzuwarten. Es ist noch nicht so lange her, auch wenn Ihnen die Zeit endlos vorkommen mag, in dieser hilflosen Lage gegenüber der Verzweiflung Ihrer Frau.

    Ein allgemeiner Blick aus anderer Perspektive, nicht als individueller Rat: Angesichts der Einschätzung des Psychiaters und der gerade begonnenen Entwöhnung von Tavor ist es nicht ungewöhnlich, vielleicht auch noch nicht zu erwarten, dass nach über zwei Wochen eine wesentliche funktionelle Verbesserung eintritt, was den Mobilitätsradius angeht. Wenn zunächst zumindest Stabilität unter der Dosis-Reduktion erreicht werden kann, ohne "rückfällig" zu werden - und nicht ohne ärztliche Absprache die Medikation zu verändern -, wäre schon ein bedeutender Schritt gemacht.

    Dies mag nach einem sehr kleinen Schritt klingen, doch ist es geht darum, umsetzbare Ziele zu setzen, um Überforderung und eine dadurch mögliche Verstärkung der Angst/Panik und Demotivation zu vermeiden - und sie in kleinen Erfolgen zu bestärken, die ihr Selbstwirksamkeit vermitteln könnten.

    Es ist wichtig, in Kontakt mit den behandelnden Ärzten, dem Psychiater und der Psychologin zu bleiben. Die nächsten beiden Wochen könnten Sie alle relevanten Beobachtungen, auftretenden Symptome und Veränderungen als Reflexionshilfe dokumentieren, um die Entwicklung und nächste Schritte dann zu besprechen. Vielleicht könnte Ergotherapie als Hausbesuch eine zusätzliche Unterstützung bieten und digitaler Austausch zur Selbsthilfe.

    Viele Grüße und alles Gute für Sie und Ihre Frau.

  • Hallo Toka,


    ja das Duchen war auch für mich anfangs ein Problem. Ich hatte einen Pons-SA und mein Sehzentrum war betroffen. Ein Duschstuhl in die Dusche gestellt, das könnte eventuel helfen. Deine Frau kann sich dann setzen und dennoch duschen. Könntest Du Dir das für für sie vorstellen?


    Liebe Grüße


    Klicker

    Jeder Tag ohne Lachen ist ein verlorener Tag

  • Hallo Klicker,

    meine Frau nutzt aktuell wieder den Duschhocker, weil es nicht anders geht. Genau das ist ja das Problem, sie macht gerade Rückschritte in allen Bereichen. weil sie diese Ängste hat und sich nichts mehr zutraut. Darum ist sie so verzweifelt, die Sorge, dass ihre Fortschritte, ihre Pläne gerade alles den Bach runter geht.

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